Oranienburg ist... ein historischer Lernort (Stadtgeschichte)
"An kaum einem anderen Ort sind die geschichtlichen Gegensätze zwischen Toleranz und Terror so groß und noch sichtbar wie in Oranienburg. Aus dieser Geschichte muss die Stadt ihre Lehren ziehen. Nur Toleranz und Verständigung sind ein tragfähiges Fundament für ein friedliches Zusammenleben. Von dieser Erkenntnis sollte sich die Stadt stets leiten lassen." (W. Michael Blumenthal, geboren in Oranienburg, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin und US-Finanzminister a.D.)
Der Ursprung Oranienburgs liegt in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Stadt Oranienburg, die ursprünglich Bötzow hieß, wurde 1216 erstmals urkundlich erwähnt. Um 1550 ließ Kurfürst Joachim II. die alte Burg Bötzow abreißen, um an gleicher Stelle ein Jagdschloss zu errichten. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) plünderten mehrfach Kriegshorden die Stadt, Brände vernichteten Häuser und Scheunen, die Pest wütete.
1646 heiratete der spätere Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg die Prinzessin Louise Henriette von Oranien-Nassau. Auf einem Jagdausflug mit ihrem Gemahl lernte Louise Henriette die Gegend von Bötzow kennen und fand Gefallen an der wasser- und wiesenreichen Landschaft, die sie sehr an ihre holländische Heimat erinnerte. Der große Kurfürst schenkte ihr 1650 Bötzow mit allen zugehörigen Dörfern auf Lebenszeit. Anstelle eines alten kurfürstlichen Jagdschlosses ließ sie einen Schlossneubau im holländischen Stil errichten, der 1652 den Namen "Oranienburg" erhielt. 1653 wurde der Name in das Stadtsiegel aufgenommen, womit die Stadt ihren heutigen Namen erhielt. Die Kurfürstin holte Siedler aus den Niederlanden und aus anderen europäischen Ländern, um Musterwirtschaften, Molkereien und soziale Einrichtungen in Oranienburg zu schaffen sowie das erste Waisenhaus der Mark Brandenburg. Dank des Einflusses niederländisch-preußischer Toleranzpolitik prosperierte die Stadt in den folgenden Jahrzehnten.
Unter dem Sohn Louise Henriettes, dem späteren ersten Preußen-König Friedrich I, wurde das Schloss bis 1690 prunkvoll umgebaut. In Oranienburg entstand damit das erste barocke Lustschloss der Mark Brandenburg. Eine letzte Blüte als Residenz der Hohenzollern erlebte das Schloss, als es der Bruder Friedrich des II., August Wilhelm (1722-1758), bewohnte. Danach wurde es zweckentfremdet, als Fabrik, Lehrerseminar und Kasernenstützpunkt genutzt.
Im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Oranienburg zu einer prosperierenden Industrie- und Villenstadt bei Berlin. Wichtige Persönlichkeiten der Stadt waren in dieser Zeit zum Beispiel der Chemiker Ferdinand Friedlieb Runge sowie der Physiker und spätere Nobelpreisträger Walther Bothe. Die naturreiche Landschaft, zum Beispiel rund um den Lehnitzsee, wurde eine beliebte Sommerfrische für die Berliner Stadtbevölkerung. Diverse Ausflugslokale, Seeterrassen und ein reger Fahrgastschiffsverkehr belebten den Ort zu dieser Zeit und ließen ihn den Geist der ?goldenen Zwanziger? atmen.
Doch in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts folgte der tiefe Fall der Stadt, verbunden mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Mitten im Zentrum Oranienburgs wurde eines der ersten Konzentrationslager Deutschlands eingerichtet. Am Stadtrand entstand durch das Nazi-Regime das KZ Sachsenhausen als Muster- und Ausbildungslager. Auch die zentrale ?Inspektion der Konzentrationslager? (IKL) im Deutschen Reich hatte ihren Sitz von 1938 bis 1945 in Oranienburg. In den Konzentrationslagern waren insgesamt mehr als 200.000 Menschen inhaftiert, Zehntausende überlebten die unmenschlichen Bedingungen in den Lagern nicht oder wurden gezielt getötet.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente das Gelände des KZ Sachsenhausen von 1945-1950 als sowjetisches Speziallager zur Inhaftierung von Naziverbrechern, aber auch viele unschuldige Menschen wurden dort Opfer stalinistischer Willkür. Zu den rund 12.000 Opfern des Speziallagers zählte auch der berühmte Schauspieler Heinrich George.
Während der DDR-Zeit wurde das Gelände des KZ Sachsenhausen im Jahr 1961 zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte umgestaltet. Nach dem Zusammenbruch der DDR entstanden die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen als eine von Bund und Land gemeinsam finanzierte Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten. Die historischen Gebäude und Relikte des Lagers sind heute wichtige Erinnerungs- und Lernorte der Stadt.
Seine Funktion als Sitz von chemischer Industrie und Rüstungsbetrieben wurde Oranienburg zum Ende des Zweiten Weltkriegs zum Verhängnis. Sie machten die Stadt zu einem vorrangigen Ziel der Luftangriffe der Alliierten. Große Teile der Stadt wurden durch Bombenschäden zerstört. Unzählige Bombenblindgänger erschweren noch heute die Stadtentwicklung.
In direkter Nähe zum Westberliner Stadtteil Reinickendorf lag Oranienburg während der Zeit der DDR im Schatten der Berliner Mauer. Nach dem Fall der Mauer 1989 wurde diese unterbrochene Metropolen-Umland-Beziehung zu Berlin wiederbelebt. Durch eine optimale Anbindung mittels Bahn und Straße profitiert Oranienburg heute sehr von der Nähe zu Berlin, der pulsierenden Hauptstadt. Die Stadt selbst hat ebenfalls enorme Anstrengungen unternommen, um das durch den Zweiten Weltkrieg, Bausünden sowie die Vernachlässigung in der DDR zerstörte Antlitz wieder aufzupolieren. Heute ist die öffentliche Infrastruktur modernisiert und die Stadtsanierung schreitet zügig voran. Sichtbarste Beispiele sind die Wiederbelebung des Schlossumfeldes, die Neuanlage des Schlosshafens sowie die Neugestaltung des Schlossparks in Rahmen der Landesgartenschau 2009.
Seiner wechselhaften Geschichte vom Glanz niederländischer Toleranzpolitik bis zur ?Hölle von Sachsenhausen? stellt sich die Stadt im Rahmen eines Leitbildes, dass die Stadtverordnetenversammlung 2008 beschloss. In Umsetzung dieses Leitbildes gedenkt die Stadt der dunklen Seiten ihrer Geschichte, um eine positive Zukunft zu gestalten!
Dieser Artikel wurde durch Evelin Rabe - Eigenbetrieb für Stadtmarketing und Kultur Oranienburg zur Verfügung gestellt. Wir danken für die Mühe. (Stand: 01.03.2010)
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